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Seit einigen Jahren vollzieht sich eine Revolution im Wissen des Menschen über den Menschen – und (fast) niemand merkt es. Unser Selbst- und Weltbild ist bis heute entscheidend von den Erfahrungen des steinzeitlichen Homo sapiens und seiner Vorfahren geprägt. Einer der wenigen deutschen Philosophen, die überhaupt zur Kenntnis nehmen, was in den Laboratorien der Gehirnforscher passiert, einer, der die Konsequenzen bedenkt, ist Thomas Metzinger. Er lehrt theoretische Philosophie an der Universität Mainz.
Persönliche Erfahrungen haben ihn für die Neurowissenschaften sensibel gemacht. So hatte Metzinger schon in jungen Jahren und auch später immer wieder „Out-of-Body”-Erlebnisse: Man sieht sich dabei in der Lage, den eigenen Körper aus der Vogelperspektive zu betrachten und die Seele spazieren gehen zu lassen. Bereits der biblische Prophet Ezechiel berichtet von einer solchen Reise „zwischen Himmel und Erde” aus Babylonien bis nach Jerusalem. Und Joseph von Eichendorff schuf ein wunderbares Gedicht, in dem es heißt: „Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.” Diese Erfahrungen, über die insbesondere Menschen berichten, die kurzzeitig dem Tode nahe waren, haben nach Meinung Metzingers das Selbstbildnis des Menschen als Person aus Leib und Seele entstehen lassen. Ein falsches Bild. Denn nicht die Seele wandert, sondern das scheint nur so und lässt sich auf einfache Weise provozieren.
Der Inhalt unseres bewussten Erlebens, einschließlich des „Out-of-Body”- Seins, ist, wie die Experimente der Gehirnforscher belegen, ein inneres Konstrukt. Zuerst erzeugt unser Gehirn eine Simulation der Welt, die so perfekt ist, dass wir sie nicht als ein Bild erkennen können. Dann generiert es ein inneres Bild von uns selbst als einer Ganzheit – und das System hat keine Möglichkeit herauszufinden, dass es ein Modell ist. Wir leben gewissermaßen in einem Tunnel. Deshalb nennt Thomas Metzinger sein vor kurzem auch auf Englisch erschienenes Buch, in dem er „Eine neue Philosophie des Selbst” entwickelt, „Der Ego-Tunnel”. Das menschliche Ego, so Metzinger, ist ein virtuelles Werkzeug, das nur deshalb zum Ego werden kann, weil wir unfähig sind zu erleben, dass wir gar nicht fähig sind, die Wirklichkeit zu erkennen.
Bewusstsein ist, so Metzinger, „das Erscheinen einer Welt”. Natürlich existiere eine Außenwelt, aber das bewusste Erleben des Wissens, des Handelns und des Verbundenseins mit dieser Außenwelt „ist eine ausschließlich innere Angelegenheit”. Bewusstsein ist etwas, das sich in der Evolution langsam entwickelt hat. Dabei ist die Fähigkeit der Integration all dessen, was die Sinnesorgane an Informationen liefern, im diese Informationen verarbeitenden Gehirn entscheidend. Am Ende erscheint uns eine einheitliche Welt. Aber die Bilder sind nicht die Wirklichkeit. Das verwirrt all jene, „die verzweifelt nach emotionaler Sicherheit suchen und sich geschlossenen Weltbildern ausliefern, weil sie die naturalistische Wende im Menschenbild nicht ertragen können”, so Metzinger.
Damit sind insbesondere die fundamentalistischer werdenden christlichen Kirchen gemeint. Der Philosoph beklagt, „dass das philosophische Projekt der Aufklärung ins Stocken geraten ist. Was uns fehlt, ist nicht Glauben, sondern Wissen. Was uns fehlt, ist nicht Metaphysik, sondern eine neue Form von kritischer Rationalität”.
Metzinger belegt seine Thesen mit den Ergebnissen einerseits von Experimenten der Neurowissenschaftler, andererseits ihren Beobachtungen an Menschen mit Verletzungen im Gehirn. Interviews mit Experten ergänzen dies. Pharmaforscher sind dabei, „bewusstseinserweiternde” Drogen als Ergebnis solcher Forschung zu produzieren. Es gibt bereits Roboter, die Zwitter sind aus Maschine und Gehirn. Metzinger erwartet, dass es in absehbarerer Zeit sogar Maschinen mit Selbstbewusstsein geben werde. Man müsse sich über ethische Konsequenzen dieser Entwicklungen Gedanken machen.
Einer der Vorschläge des Philosophen betrifft die Schule. Er plädiert dafür, „Meditationsunterricht” einzuführen – allerdings „keine Räucherstäbchen, keine Glöckchen. Deshalb stelle ich mir auch den Sportlehrer als natürlichen Ansprechpartner vor und keinesfalls den Religionslehrer”. Es geht um Achtsamkeits- und Aufmerksamkeitstraining als Gegengewicht zur medialen Ablenkungsindustrie.
Dies ist ein kluges und gewichtiges Buch. Es verlangt dem Leser allerdings einige Mühe ab. Und nicht nur, weil die Sachverhalte so kompliziert sind. Metzinger beklagt zwar die Neigung des Philosophen zu Formulierungen, die schwer verständlich sind, erfindet aber selbst laufend Wortungetüme. Etwa das „phänomenale Selbstmodell”, PSM: „Der Inhalt des PSM ist das Ego”. Oder er definiert: „Phänomenale Zustände sind neurokomputative Organe”. Der Leser sollte sich dennoch nicht abschrecken lassen. Was er in diesem Buch erfährt, kann ihm helfen, sich selbst und die Welt etwas besser zu verstehen. MARTIN URBAN
THOMAS METZINGER: Der Ego Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Berlin Verlag, Berlin 2009. 384 Seiten, 24,90 Euro.
Uns fehlt nicht Glaube, sondern Wissen, nicht Metaphysik, sondern kritische Rationalität