Mein Warenkorb

0 Artikel

Mein Warenkorb

Mein Merkzettel

0 Artikel

Mein Merkzettel

Mein Konto

Login 

Mein Konto

Briefwechsel von Hans Blumenberg, Carl Schmitt

Briefwechsel

Hans Blumenberg, Carl Schmitt

Herausgeber: Alexander Schmitz, Marcel Lepper
Verlag: Suhrkamp Verlag KG
Gebundene Ausgabe
Geisteswissenschaften/Kunst/Musik
309 Seiten
Sprache: Deutsch

Verfügbar - versandfertig innerhalb
von 1 bis 2 Werktagen

26,80 €

ISBN: 3518584820
EAN: 9783518584828
Oktober 2007

Die Verführbarkeit des Philosophen

Rezensiert von RALF KONERSMANN - 10-11-2007

Am 27. April 1976, die Korrespondenz geht inzwischen ins sechste Jahr, schreibt Hans Blumenberg aus dem Philosophischen Seminar an der Johannisstraße in Münster an Carl Schmitt. Es ist der fünfte von insgesamt sechs Briefen und der vielleicht ausdrucksvollste, gewiss aber derjenige, der den heutigen Leser am meisten frappiert. Der Bestätigung, im Dezember Schmitts Schrift „Ex Captivitate Salus” samt persönlicher Widmung erhalten zu haben, folgen in seltsam aufgewühlter Prosa Bekundungen eines tieferen Einvernehmens. Nirgendwo sonst hat sich Blumenberg dergleichen gestattet.
„Es ist das, was Sie über das theoretische Interesse an den Ideen der Ankläger sagen, über die Neugierde auf die gedanklichen Voraussetzungen des Anklägers, ich würde verschärfen: des Verfolgers. Sie haben nicht mehr zum zweiten Mal diese Grunderfahrung zu machen brauchen, als eine konformistische Öffentlichkeit sich auf den neuen Alleinschuldigen in der Gestalt des Ordinarius stürzte, um nochmals diese theoretische Verblüffung zu empfinden, die den Gedanken der anderen durch immer neue bloße Kulissen hindurch entschwinden sieht. Mir hat das déjà vu zwar die Sprache verschlagen, nicht aber die Neugierde gelähmt. Ich weiß inzwischen besser, wie die Verfolger es machen, dass sie immer recht haben.”
An keiner Stelle hat sich Blumenberg seinem Gegenüber so sehr angenähert wie in diesem offenherzigen, ja haltlosen Bekenntnis. Und wie sehr muss sich der fortwährend um seine Reputation besorgte Schmitt bestätigt, wie warm sich verstanden und sogar rehabilitiert gesehen haben! In einer krassen Reduktion stellt die hochabstrakte Formel des „Verfolgers” eine innige, durch die Vertraulichkeit vertiefte Gemeinschaft her zwischen dem „Kronjuristen des Dritten Reiches” und dem brillantesten Denker der Republik. Dabei wusste doch niemand besser als Blumenberg, über welche Abgründe hinweg er in diesem Augenblick sein Einvernehmen bekundete. Er selbst hatte Ende der dreißiger Jahre als Absolvent des Lübecker Katharineums erfahren müssen, was es damals hieß, der Sohn einer jüdischen Mutter zu sein. Als kaum Zwanzigjähriger hatte der Hochbegabte sich im Verborgenen mit Hilfsarbeit durchschlagen müssen, ohne die geringste Aussicht auf Studium und akademische Karriere.
Die schillernde Solidaritätsadresse aus dem Frühjahr 1976 ebnet die biographischen Gegensätze, die schärfer nicht sein könnten, handstreichartig ein und lässt nur die Betroffenheit des Augenblicks sprechen. Nun sollen beide gleich sein – beide Verfolgte, beide Opfer eines grassierenden Konformismus der Selbstgerechtigkeit: erst 1939, dann 1945, und jetzt 1976. Mit Schmitt hat das offensichtlich gar nichts zu tun, es geht allein um Blumenberg. Wie sehr, fragt man sich, muss dieser großartige Gelehrte unter dem hypermoralischen Geprotz der studentischen Rebellion, deren Veteranen man heute wieder die Mikrophone hinhält, seinerzeit gelitten und wie sehr sich getroffen gefühlt haben, um solche Verzerrungen persönlich erlebter Geschichte zu Papier zu bringen.
Das Dokument steht isoliert da – thematisch, stilistisch, rhetorisch. Undenkbar, dass Blumenberg sich an den Ehrfurchtsbezeigungen der Schmitt-Touristik beteiligt hätte, die jahrzehntelang Intellektuelle aus aller Herren Länder ins sauerländische Plettenberg führte, um dort dem „dangerous mind” von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. So verliert sich der augenblicksweise gestiftete Anschein der Schicksalsgemeinschaft, über das Ganze dieser (samt Kommentierung) dreiundfünfzigseitigen Korrespondenz gesehen, ebenso rasch, wie er entstanden ist. Schon das Eröffnungsschreiben Blumenbergs gibt den Tenor des knapp sieben Jahre währenden Austauschs vor, wenn es, höflich in der Form, bestimmt in der Sache, mit der Feststellung der Differenz einsetzt – der „Differenz unserer Positionen”.
In der von den Beteiligten selbst vorgenommenen, teils strategisch, teils sachlich begründeten Vermessung dieser Differenz und ihrer intellektuellen Einsätze liegt der Reiz dieses Briefwechsels, dessen Details sich allerdings ohne Kenntnis der Vorgeschichte kaum erschließen. Die beiden Herausgeber kommentieren die Briefe sachkundig und ergänzen sie um Textauszüge aus dem Vorfeld sowie aus späteren Jahren, sodass sich nun leicht überblicken lässt, was im Wortlaut der Briefe selbst Andeutung bleibt.
Das Ergebnis ist rundum überzeugend: Die sorgfältig rekonstruierte und, soweit bekannt, vollständige Chronologie eines Gedankenaustauschs, den man allerdings ein Gespräch nicht wird nennen wollen. Zu unterschiedlich sind die Ausgangspunkte, zu unterschiedlich die Voraussetzungen und Schlüsse. Dem Briefwechsel vorangegangen waren Auseinandersetzungen in Buchform, vor allem und zentral über den Begriff der Säkularisation. Unter Berufung auf begriffsgeschichtliche Befunde hatte Blumenberg 1966 gezeigt, dass Säkularisation ein Kampfbegriff ist, der, dem ursprünglichen Verwendungszusammenhang folgend, die unrechtmäßige Enteignung kirchlicher Besitztümer benenne – von Sachwerten ebenso wie von geistigen und geistlichen Gütern.
In der erweiterten Bedeutung impliziert der Säkularisationsbegriff die These, dass die vermeintliche Verweltlichung der Moderne gar nicht stattgefunden hat, sondern als die fragwürdige Usurpation und Inanspruchnahme ursprünglich christlich-religiöser Leistungen zu verstehen sei. Die behauptete Illegitimität ist eine doppelte: Illegitim ist die Aneignung fremden Ideengutes, dessen Herkunft unterschlagen wird, illegitim ist aber auch die Selbstwahrnehmung der Moderne, die ihre wahren Voraussetzungen vor sich selbst verbirgt. Es fügt sich, dass die entschiedenste Formulierung des Verdachtsmotivs von Carl Schmitt stammt: die berühmte These aus dem Jahr 1922, alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre seien säkularisierte theologische Begriffe.
Blumenberg hatte dem weit über begriffsgeschichtliche Methodenfragen hinausreichenden Grundsatz erstmals 1966 in der Erstfassung der „Legitimität der Neuzeit” widersprochen und war dann in der Neufassung, unmittelbar vor dem Briefwechsel, noch einmal darauf zurückgekommen. Die Replik zielt auf den Subtext des Illegitimitätsvorbehalts und damit auf die Unterstellung, dass ein ideeller Grundvorrat sich bis in die Gegenwart der Moderne hinein durchgehalten habe – ein epochenübergreifendes Substrat, das gleichsam bloß die Kleider wechsele, im Wesentlichen aber ein und dasselbe bleibe.
Blumenberg weist diese Kontinuitätsunterstellung zurück und stellt dem die These der Neugründung der Moderne entgegen. Sein Beispiel ist die Fortschrittsidee: Während das christliche Geschichtsmodell der Eschatologie die Vorstellung eines Einbruchs von außen nahelege und mit ihrem Vertrauen in die Macht der Vorsehung die Frage nach dem Sinn und Zweck der Geschichte immer schon beantwortet habe, sei Fortschritt ein vergleichsweise bescheidenes Konzept reiner Immanenz, das auf menschliche Aktivitäten und deren historische Rahmenbedingungen begrenzt bleibe.
Fortschritt und Eschatologie, so Blumenbergs Pointe, seien nicht nur strukturell unvereinbar, sondern einander ausschließende Darstellungsformen historischer Zeit. Schmitt erwidert darauf vorsichtig, teilweise ausweichend. Schließlich vertritt er die These, er müsse sich durch die Einwände seines Kritikers, die er offenbar genau zur Kenntnis genommen hatte, gar nicht getroffen fühlen. Sein Säkularisationsbegriff sei deskripitiv, nicht normativ oder polemisch, und er liefere als solcher hilfreiche Bestätigungen der politischen Theologie und ihrer Prämisse, dass der säkularisierte Staat auf nicht-säkularisierten Grundlagen – gemeint sind Mentalitäten, Begrifflichkeiten, Institutionen – aufruht.
Schmitt nimmt für sich in Anspruch, einen anderen, einen eigenen Begriff von Säkularisation entwickelt zu haben, der, wie er am 31. März 1971 präzisiert, zunächst und vor allem auf die frühneuzeitliche Ablösung von theologischer und staatsrechtlicher Zuständigkeit zielt, die dann die Übertragung theologischer Gedankenmotive in den Raum des Politischen überhaupt erst ermöglicht habe.
Schon diese wenigen, wenngleich zentralen Erregungspunkte der Kontroverse lassen erkennen, dass bei diesem Streit über das Konzept und Problem der Säkularisation weit mehr auf dem Spiel stand als ein Streit um Worte und ideengeschichtliche Deutungsmuster. Der wahre Einsatz der Debatte ist, was Blumenberg die „Legitimität der Neuzeit” genannt hat. Auf dem Spiel steht die nach wie vor und aktuell, in einer Zeit der „Rückkehr des Religiösen”, erneut brisante Frage nach dem Selbstverständnis der Moderne, nach ihrer Autonomie und Prägnanz. Blumenberg und Schmitt nehmen die Frage und überhaupt die Ungeheuerlichkeit des Ablösungsgeschehens, das mit der Neuzeit einsetzte, gleichermaßen ernst, spitzen sie aber vollkommen gegensätzlich zu. Schmitt stellt die Gegenwart in die grandiose Kulisse stehender Ewigkeiten, deren Präsenz durch die Macht des „Katechon” gesichert und gewahrt sei – mit dem Ergebnis, dass die Moderne, einschließlich ihres geistigen Rüstzeugs, nun klein und hässlich dasteht.
Umgekehrt Blumenberg, der die substantialistischen Formeln der politischen Theologie Schmitts als sinnentleerte Zitate reinterpretiert. Die Moderne, so seine Erwiderung, hat sich keineswegs, wie der Illlegitimitätsvorbehalt unterstellt, selbst ermächtigt oder fremdes Gut angeeignet, sondern steht vor einer spezifischen und unvergleichlichen Herausforderung, die frühere Zeiten so nicht kannten. Diese Herausforderung besteht darin, sich aus sich selbst – und nicht aus einem Absoluten – heraus begründen und behaupten zu müssen. Mit diesem Argument wehrt Blumenberg schon früh ein Deutungsmuster ab, das, weil es auch bei Heidegger durchklingt, bis weit in die Postmoderne hinein gewirkt hat. Die Moderne ist nicht, wie Schmitt und Heidegger ihr nachgesagt haben, eine Epoche der „Selbstermächtigung”, sondern die Epoche der „Selbstbehauptung”.
So verhalten wie möglich, so eindeutig wie nötig – so könnte die Sprachregel lauten, der dieses philosophische Bekenntnis zur Moderne folgt. Auch nach dem Ausklang des Briefwechsels – das letzte Schreiben stammt vom 28. Januar 1978, Schmitt starb sieben Jahre später – kommt Blumenberg gelegentlich auf den politischen Theologen zu sprechen. Der Ton wird gelassener, die Wahrnehmung schärfer. Es ist, als habe Blumenberg sich erst allmählich darauf besinnen wollen, was ihm doch keineswegs entgangen war: auf wen er sich da eingelassen hatte.
Die Miniaturen aus späterer Zeit, teilweise dem in Marbach verwahrten Nachlass entnommen und hier nun erstmals veröffentlicht, glossieren Schmitts denkerische Attitüden, seine weit ins Theoretische hineinreichende Larmoyanz, seine Realitätsblindheit und Selbstgefälligkeit. Einmal zusammengesetzt, fügen sich die Bruchstücke zu einer Porträtsskizze, die jene, gleichfalls dem Nachlass entstammenden Studien zur „Verführbarkeit des Philosophen” trefflich ergänzt: zur Physiognomie des Intellektuellen als „Verächter der Menschen”.
All dies deutet zurück auf eine frühe Schmitt-kritische Bemerkung Blumenbergs aus dem Jahre 1966, die erst im Licht dieser Nachgeschichte in ihrer vollen Brisanz hervortritt. „Die ‚Wesentlichkeit‘ der Neuzeit”, heißt es da, sei „nicht ihr gesichertes Merkmal, sondern ihr dauerndes kritisches Officium”. Die Moderne als kritikbedürftiger Verpflichtungszusammenhang: Zwanzig Jahre und mehr hat Blumenberg daran gewendet, diesen Elementarsatz nicht nur hinzuschreiben, sondern ihm durch die Themen und Gegenstände seiner großen Abhandlungen, die nach Beendigung des Briefwechsels in rascher Folge erschienen sind, Gestalt zu geben. RALF KONERSMANN
HANS BLUMENBERG, CARL SCHMITT: Briefwechsel 1971-1978 und weitere Materialien. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Marcel Lepper und Alexander Schmitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 233 Seiten, 22,80 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren:

Anton Kippenberg. Der Briefwechsel mit Julius Petersen 1907 bis 1941 - Thomas Neumann

Anton Kippenberg. Der Briefwechsel mit Julius Petersen 1907 bis 1941
Thomas Neumann

152,36 € 

Bestellen

Thema der Briefe sind in erster Linie die verlagsgeschäftlichen und editorischen Beziehungen... mehr

Stricker und Seminarist - Richard Lauxmann

Stricker und Seminarist
Richard Lauxmann

12,68 € 

Bestellen

1848-1852. Im schwäbischen Dorf Schönaich herrschen Hungersnot und Seuchen. Der mit sei... mehr

Briefe aus dem 20. Jahrhundert

Briefe aus dem 20. Jahrhundert

22,80 € 

Bestellen

1936 schreibt der Regisseur Josef von Sternberg an Marlene Dietrich: »Ich danke dir fuer deine su... mehr

Finden Sie weitere Werke mit ähnlichem thematischen Bezug:
Briefwechsel
©Süddeutsche Zeitung GmbH
Besuchen Sie auch die anderen Websites der Süddeutschen Zeitung!

SZ Vinothek Spezial

Die besten Begleitwerke ausgewählt vom Team der SZ Vinothek

Zum Verkosten...