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Das Rote Buch von Carl Gustav Jung

Das Rote Buch

Carl Gustav Jung

Herausgeber: Sonu Shamdasani
Verlag: Patmos Verlag GmbH + Co.K
Gebundene Ausgabe
Geisteswissenschaften/Kunst/Musik
404 Seiten
Sprache: Deutsch

Lieferbar innerhalb von 7 bis 10 Tagen.
Voraussichtlicher Liefertermin: 01.12.2009

168,00 €

ISBN: 3491421322
EAN: 9783491421325
Oktober 2009

Die Seele als Wundertüte

Jahrzehntelang lag das „Rote Buch” des Begründers der analytischen Psychologie C.G. Jung unter Verschluss im Tresor einer Schweizer Bank. Jung (1875–1961) hatte verfügt, es solle nie veröffentlicht werden, obwohl darin „der Urstoff” seines Lebenswerks enthalten sei. Am kommenden Dienstag wird das rückhaltlos autobiographische Werk nun mit Zustimmung der Erbengemeinschaft erstmals publiziert (C. G. Jung: Das Rote Buch. Herausgegeben von Sonu Shamdasani. Patmos Verlag, Düsseldorf 2009. 404 Seiten, 168 Euro). Die Veröffentlichung wird die Diskussion über die pathologischen Wurzeln der Lehre Jungs neu anfachen. Der Leipziger Philosoph Christoph Türcke , den wir gebeten haben, das „Rote Buch” vorzustellen, hat 2008 eine „Philosophie des Traums” vorgelegt.
Dass C. G. Jung von klein auf intensiv geträumt und halluziniert hat, wusste man. Berühmt die Episode, wie den Halbwüchsigen angesichts des Basler Münsters die Vision überkam, der liebe Gott setze einen riesigen Scheißhaufen aufs Münsterdach, der das ganze Gebäude zusammenstürzen lasse – für den Pfarrerssohn Carl Gustav ein geradezu beseligendes Erlebnis, das ihn zeitlebens überzeugt sein ließ, Gott habe sich ihm hier ungleich authentischer offenbart als je seinem Vater. Kein Geheimnis auch, dass das Gefühl des eigenen Gespaltenseins ihn der Psychiatrie zutrieb.
Nun aber wird ein Geheimnis gelüftet: Das Rote Buch. 1913, nach der Trennung von Freud, 38-jährig, sich im Zenit, aber auch am Wendepunkt seines Lebens fühlend, begann Jung, was Freud nahezu im selben Alter unternommen hatte: ein großes Experiment mit sich selbst. Dasjenige Freuds hatte nach einem halben Jahrzehnt „Die Traumdeutung” erbracht. Das von Jung dauerte dreimal so lange und erstrebte weit mehr als eine Analyse der eigenen Traum- und Visionswelt, nämlich die Versenkung in ihre tiefere – oder höhere – Weisheit. Dazu reichten ihm die inneren Bilder, die ihn überkamen, nicht aus.
Er gestaltete sie eigens aus, dank seiner Methode der „aktiven Imagination”, die er auch seinen Patienten empfahl: „Sie sollten versuchen, selbst in das Bild hineinzugelangen – zu einer seiner Figuren zu werden. Als ich zuerst damit begann, sah ich Landschaften. Dann lernte ich, mich selbst in die Landschaft hineinzustellen, und die Figuren pflegten mit mir zu sprechen und ich ihnen zu antworten.”
Zwischen 1913 und 1930 hat Jung seiner inneren Bilderwelt in Schwarzen Büchern (Notizbüchern mit schwarzem Einband) freien Lauf gelassen: beschreibend, kommentierend, zeichnerisch.
Aber er nutzte sie nicht nur als Materialfonds für seine Publikationen. Er hatte auch das Bedürfnis, einen Extrakt der Schwarzen Bücher in ein Rotes Buch vom Format 30 x 39 cm auf Pergamentpapier zu übertragen, und wenn man diese Übertragung sieht – man kannte sie ja bisher nur vom Hörensagen – dann stockt einem für einen Moment der Atem. Da blickt einen ein veritables Evangeliar an!
Exerzitien der Kalligraphie
Dass Jung dauernd manuell beschäftigt sein musste – wenn es gerade nichts zu schreiben gab, dann mit Malen, Schnitzen oder Holzhacken –, war bekannt. Aber dass er sich die mittelalterliche Kalligraphie und Buchgestaltung bis zur Perfektion angeeignet hatte und die Zeit fand, damit auf eigenwillige Weise 175 große Buchseiten zu füllen, auf denen der minutiös ausgepinselte Text mit Ornamenten, Impressionen, Mandalas von hoher farblicher Intensität umgeben ist: Das ist verblüffend. Es war nicht nur eine Redensart, wenn Jung sich gelegentlich ins Mittelalter zurückversetzt fühlte. Das Rote Buch versetzt auch den Betrachter unversehens dahin zurück.
Allerdings in Jungs Mittelalter, wie er es sich zurechtphantasiert hat. Er ist darin sowohl das geduldige Mönchlein, das in seiner Küsnachter Klause mit lateinischen Zeichen deutschen Inhalts heilige Texte abpinselt, als auch der Prophet, den der Bildschwall überkam, der sich in den Texten niedergeschlagen hat. Als Mönch ist er Nr. 1, als Prophet Nr. 2, aber was wäre Nr. 2 ohne Nr. 1? Erst durch die Abschrift des Mönchs wird der Text geheiligt, der Prophet beglaubigt.
Und der Prophet tritt sogleich in biblische Fußstapfen. Das Rote Buch beginnt mit lateinischen Jesaia-Zitaten: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und er heißt Wunderbar, Rat, Held, Ewig-Vater, Friedefürst”. Und auf deutsch fährt Jung fort: „Ich habe gelernt, dass außer dem Geiste dieser Zeit noch ein anderer Geist am Werke ist, nämlich jener, der die Tiefe alles Gegenwärtigen beherrscht. Der Geist dieser Zeit möchte von Nutzen und Wert hören. Auch ich dachte so, und mein Menschliches denkt noch immer so.”
Doch: „Der Geist der Tiefe nahm meinen Verstand und alle meine Kenntnisse und stellte sie in den Dienst des Unerklärbaren und des Widersinnigen. Er raubte mir Sprache und Schrift für alles, das nicht im Dienste dieses einen stand, nämlich der Ineinanderschmelzung von Sinn und Widersinn, welche den Übersinn ergibt. Der Übersinn aber ist die Bahn, der Weg und die Brücke zum Kommenden. Er ist der kommende Gott, Bild und Kraft in einem, Herrlichkeit und Kraft zusammen, Anfang und Ziel.”
Und so tat er sich Jung kund: „Es geschah im Oktober des Jahres 1913, als ich allein auf einer Reise begriffen war, dass ich untertags plötzlich von einem Gesicht befallen wurde: Ich sah eine ungeheure Sintflut. Sie reichte von England bis nach Russland und von den Küsten der Nordsee bis fast zu den Alpen. Ich sah die gelben Wogen, die schwimmenden Trümmer und den Tod von ungezählten Tausenden.” Das Gesicht kehrte mehrfach wieder, Jung „rang” mit ihm, „aber es hielt mich fest. Und ich dachte, dass mein Geist krank geworden sei.”
Oder, wie er Jahre später zu Mircea Eliade sagte: „Ich war gerade dabei, einen Vortrag über Schizophrenie vorzubereiten und ich sagte mir immer wieder: Ich werde über mich selbst sprechen! Sehr wahrscheinlich werde ich nach dem Vortrag verrückt werden. Am 31. Juli, unmittelbar nach meinem Vortrag, erfuhr ich aus der Zeitung, dass der Krieg ausgebrochen war. Und als ich am nächsten Tag in Holland vom Schiff ging, war niemand glücklicher als ich.” Der Tag, als der Weltkrieg ausbrach, war Jungs Glückstag. Nun konnte er den Sintfluttraum als Weissagung begreifen. „Jetzt war ich sicher, nicht von einer Schizophrenie bedroht zu sein. Ich begriff, dass meine Träume und Visionen aus dem Untergrund des kollektiven Unbewussten zu mir kamen. Was mir nun zu tun übrig blieb, war, diese Entdeckung zu vertiefen und zu bestätigen.”
Genau darin bestand sein Selbstexperiment. Es war ein Selbstbestätigungsexperiment – die unablässige Autosuggestion, nicht der Wahnsinn, sondern der „Geist der Tiefe” habe ihn erfasst: „Das Gesicht der Sintflut zwang mich mit unerträglicher innerer Sehnsucht, und ich sprach: Meine Seele, wo bist du? Gib mir deine Hand. Mit dir will ich wandern und aufsteigen zu meiner Einsamkeit.” Diesem Aufstieg mit seinen ausufernden Visionen und Phantasiedialogen zwischen Jung und seiner Seele gibt das Rote Buch die Aura des Biblischen und das Ansehen des neuen, des wahren Evangeliums.
Es bedarf keines großen Scharfsinns, um im „Geist der Tiefe” eine sich selbst dementierende Hypostase zu erkennen. Einer Empfindung, Phantasie, Obsession ein eigenes Sein unterlegen, als wäre sie „ein in sich selber bestehendes lebendiges Wesen”: genau das heißt sie hypostasieren. Hypostasen entstammen der Not, nicht dem Vergnügen. Das Rote Buch gibt wie kein anderes Dokument Aufschluss über die konkrete Not, aus der Jungs Hypostasen aufgestiegen sind: aus der Bedrohung durch Wahnsinn. Der Wahnobsession ein eigenes, von ihm unterschiedenes Sein unterzulegen: Das half sie bannen, sie von ihm fernzuhalten. Die Sintflutvision als Kriegsprophezeiung wahrnehmen und in dieser Prophezeiung eine höhere Weisheit, die als „Seele” zum „Ich” zu sprechen beginnt und ihm all die archetypischen Gestalten offenbart, in die es bis zur Selbstpreisgabe einzuweihen ist: Das war die Umwendung von etwas Schrecklichem in etwas Rettendes – ein Abwehrzauber gegen drohende Schizophrenie. Man darf Jung glauben, dass diese „Seele” oder „Anima”, wie sie in seinem Gesamtsystem später heißt, zutiefst erlebt und nicht bloß ausgedacht war. Aber was er als Ankunft des Übersinns erlebte, war tatsächlich sein Abwehrzauber, der die Suggestion des Übersinns überhaupt erst schuf.
Jungianer träumen jungianisch
Freud hat das schöne Wort „Gefälligkeitstraum” geprägt, hatte er doch einen willfährigen Patienten dabei ertappt, so zu träumen, wie es ihm, dem Analytiker, gut in den Kram passte. Die Gefälligkeit reicht aber viel weiter. Freudianer träumen oft freudianisch, Jungianer jungianisch. Träume und Visionen widerfahren einer Person ja nicht nur; sie ist auch lenkend daran beteiligt. „Klarträume”, in denen der Träumer in sein inneres Bilderleben wie ein Regisseur eingreift, sind nur der Extremfall. Und zweifellos ist Jungs „aktive Imagination” eine explizit lenkende Methode. Wer sich in die eigenen Bildlandschaften so hineinsteigert, wie Jung es empfahl, sie mit Figuren belebt und mit ihnen zu sprechen beginnt, der ist längst dabei, sich seine Visionen wunschgemäß zurechtzubiegen. Er produziert Gefälligkeitsvisionen.
Schon in Jungs Erinnerungen kamen seine Träume so auffällig homogen daher, dass mancher sich fragte: Hat er sie nicht hie und da retouchiert? Das Rote Buch weckt den Verdacht, dass die Retouche schon viel früher beginnt: bei der Visionsproduktion selbst. Der große Visionär Jung dürfte ein mindestens ebenso großer Visionslenker gewesen sein, und zu seinem Glück wird sich beides nie genau auseinanderhalten lassen. Dafür zeigt Das Rote Buch deutlicher als alles bisher Bekannte, wie tief in der visionserfüllten „Nr. 2” bereits die „Nr. 1” sitzt und mit moderner Umsicht die Strippen zieht. Statt dass Nr. 2 sich als Sprachrohr des kommenden Gottes dem Zeitgeist widersetzt, arbeitet Nr. 1 als Sprachrohr von Nr. 2, macht aus der „Seele” eine Hypostase und zieht aus ihr wie aus einer Wundertüte nach und nach all die archetypischen Figuren hervor, die Nr. 2 als Propheten beglaubigen.
Denn darum geht es, auch wenn Jung diesen Passus dann doch nicht aus dem Schwarzen ins Rote Buch übertragen mochte: „Ich: Aber was ist meine Berufung? Seele: Die neue Religion und ihre Verkündigung. Ich: O Gott, wie soll ich das tun? Seele: Sei nicht so kleingläubig. Niemand weiß es so wie du. Niemand, der es so sagen könnte wie du.” Die kongeniale äußere Erscheinungsform dieses Anspruchs ist das Evangeliar. Nach dessen Veröffentlichung wird sich der Streit um C. G. Jung verschärfen.
Wer ähnlichen Hypostasierungsbedarf verspürt wie der Meister, wird ihn als Visionär höher schätzen denn je. Seine Gegner werden genügend Material dafür finden, dass er nicht nur schizoid, sondern manifest schizophren war. In der Tat: Das Rote Buch hätte der Prinzhorn-Sammlung nicht schlecht angestanden. Aber mit einem Sonderstatus: als Gegenstand größter Bewunderung dafür, wie es einem Hochbegabten gelungen ist, seine Krankheit mit ihrem eigenen Mittel, der abgespaltenen Vision, zu dementieren, durch ihre Umdeutung in einen Erwählungsvorgang im Griff zu halten und durch ihre Übersetzung in ein metaphysisches Gedanken- und Behandlungssystem wahlverwandten Gemütern Halt und Zuflucht zu bieten.
Dieses Ei-Bild hat C.G. Jung am 25. November 1922 beendet. Foto: Patmos Verlag

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