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Korngold von Guy Wagner

Korngold

Guy Wagner

Verlag: Matthes & Seitz Verlag
Gebundene Ausgabe
Geisteswissenschaften/Kunst/Musik
535 Seiten
Sprache: Deutsch

Verfügbar - versandfertig innerhalb
von 1 bis 2 Werktagen

39,90 €

ISBN: 3882218975
EAN: 9783882218978
Juni 2008

Glück, das ihm nicht blieb

Rezensiert von WOLFGANG SCHREIBER - 14-10-2008

„Ein Genie!” soll Gustav Mahler 1906 in Wien gerufen haben, als ihm das neunjährige „Wunderkind” Erich Wolfgang Korngold seine Kantate für Soli, Chor und Orchester („Gold”) auf dem Klavier vorgespielt hatte. Und vom betagten Wiener Kritikerpapst, dem unerbittlichen Eduard Hanslick, ist das Wort vom „Kleinen Mozart” überliefert. Hochachtung oder Ironie? Strauss, Nikisch, Furtwängler, Schnabel jedenfalls gehörten zu den Bewunderern des 1897 geborenen Musikers, der einer verwöhnten Wiener Gesellschaft wie eine Zirkusattraktion vorgeführt wurde. Die Besonderheit des „Falles” hatte damit zu tun, dass Julius Korngold, der Vater, mit seiner gefürchteten Feder der prominenteste Musikkritiker von Wien war. Ein Vorzug – ein Problem.
Das Bild Erich Wolfgang Korngolds in der Zeitgeschichte erscheint heute eher verschwommen, das musikalische Werk des österreichisch-jüdischen Komponisten einer gerechten Beurteilung kaum günstig. Der Luxemburger Guy Wagner schildert in der ersten deutschsprachigen Korngold-Biographie mit akribischer Genauigkeit den Gang von Korngolds umkämpfter Karriere als Pianist und Komponist sowie den Verlauf eines Lebens, das den Verwerfungen des Jahrhunderts schutzlos ausgeliefert war – von der mit Vater-Drill beförderten kreativen Wiener Hochleistungskindheit und dem frühen Operntriumph „Die tote Stadt” über die Filmmusik-Oscars in Hollywood in den Dreißigern bis zum Obsoletwerden seiner Person und Musik nach dem Zweiten Weltkrieg. 1957 starb Korngold, isoliert, in Los Angeles.
Das ergiebige, aus Archiven und Briefen schöpfende Buch lässt neben den Fakten das Lebensproblem des Komponisten hervortreten, das dem Modell „fehlgeleitetes Wunderkind” folgt. Vater Korngolds egomaner Fanatismus und seine blinde publizistische Parteilichkeit fügten dem Sohn Schaden zu: „Ich kann keinem Vater das Recht geben”, schrieb er ihm 1935 verbohrt, „sich mit mir zu vergleichen, so wie auch kein Vater – wirklich seit dem alten Mozart – einen solchen Sohn gehabt und so in ihm aufgehen konnte.”
Als der 23-Jährige seine Oper „Die tote Stadt” – Glücksbringer und Schicksalsmetapher – 1920 gleichzeitig in Hamburg und in Köln (unter Klemperer) uraufführen ließ, ahnte niemand, dass er den Zenit seiner Laufbahn als Komponist der Ernsten Musik schon erreicht hatte. Was folgte, waren vergebliche Versuche, die frühen Erfolge fortzuschreiben. Doch weder „Das Wunder der Heliane” (1927) noch „Die Kathrin” (1939) oder Korngolds Kammermusik waren in der Lage, das Rad zurückzudrehen. Was damit zu tun hatte, dass Korngold mit seiner dem Fin-de-siècle entliehenen tonalen Musiksprache den Anschluss an die Entwicklung der Moderne – Schönberg, Neue Sachlichkeit – verpasst hatte. Da bot der Wiener Ernst Krenek mit der virtuosen Anverwandlung aller aktuellen Denkweisen und Schreibstile das Gegenbeispiel. Der heraufziehende Nationalsozialismus gab der prekär werdenden Situation Korngolds den Rest. Was ihn dauerhaft rettete, war die Verbindung und Ehe mit Luise von Sonnenthal, gegen den Widerstand des Vaters.
Guy Wagners Darstellung überzeugt durch historische Detailhaftigkeit und kluge Einordnung der Fakten. Schon die lapidaren Kapitelüberschriften deuten darauf hin, dass des Autors Sache weniger sprühende Phantasie als nüchterne, oft brav-lineare Stoffaufbereitung ist. Das kommt der übersichtlichen Darstellung eines sprunghaften Lebens zugute.
Der Ausweg: 1934 erhält Korngold die Einladung des Theaterzauberers Max Reinhardt nach Hollywood, dessen „Sommernachtstraum”-Film zu vertonen. Korngold hat die richtige Hand dafür, erhält Resonanz, Hollywood wird sein Arbeitszentrum. 1938 führt ihn die Emigration endgültig nach Los Angeles. Seine „symphonische” Filmmusik macht Schule und beeinflusst bis heute Filmkomponisten. Ranghöchstes Ergebnis: zwei Oscars – für „Anthony Adverse” und „The Adventures of Robin Hood” – und drei Oscar-Nominierungen. Wirtschaftliche Unabhängigkeit ist die Folge.
Aber da nisten Zweifel in ihm, Korngold verkraftet es nicht, dass neben anderthalb Dutzend Filmmusiken sein europäisches Kapital, die „absolute” Kunstmusik, nicht gegenwärtig ist. Das Violin- und Cellokonzert, um 1945 entstanden, und die späte Symphonie werden von der Kritik wenig geschätzt. Und Europa-Reisen bringen nicht die Wende. Korngold teilt das Schicksal mancher Künstler-Emigranten: Er ist aus der Zeit gefallen.
„Musik ist Musik, ob sie für die Bühne, das Dirigentenpult oder fürs Kino ist.” Korngolds Satz von 1946, Motto des Buchs, weist darauf hin, dass der Komponist in seinem Bewusstsein das war, was man einen Musikanten nennt. Musik weist aber hinaus in die Umstände ihrer Entstehung, hier: vom Wiener k.u.k.Wunderkindglanz bis nach Hollywood. „Glück, das mir verblieb”? Mariettas illustres Lied aus der „Toten Stadt” blieb nur als seine Umkehrung, Negation, erhalten. WOLFGANG SCHREIBER
Guy Wagner
Korngold. Musik ist Musik
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2008. 535 Seiten, 39,90 Euro.

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