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Mit einer Legende hat nach der russischen Revolution des Jahres 1917 ein Museumsdirektor die Kunstsammlungen des Grafen Scheremetew aus dem 18. Jahrhundert im Landgut Ostankino bei Moskau vor allen Attacken geschützt. Das Palais sei von Leibeigenen geschaffen worden, das Museum also ein „Museum für die Kunst der Leibeigenen“. Michail Schischkin, der 1961 in Moskau geboren wurde, hat als Schulkind dieses Museum besucht. In seinem Roman „Venushaar“ beschreibt er die kalten, dunklen Säle, die Kopie des Apoll vom Belvedere in den verschneiten Grünanlagen, und die schnurrbärtige Klassenlehrerin wird zu einer der Figuren, in denen sich die Erinnerung an Russland verdichtet.
Aber dieses Russland ist ferngerückt. Schischkin ist 1995 in die Schweiz ausgewandert, wo er seither lebt. Er hat selbst eine Zeitlang Protokolle von der Art angefertigt, wie sie den im Original 2005 erschienenen Roman eröffnen, hat als Übersetzer im Dienste der Schweizer Einwanderungsbehörden Lebensgeschichten erfragt und aufgeschrieben, die erzählt wurden, um einen Asylantrag zu begründen. Es sind Geschichten von Gewaltopfern aus Tschetschenien, aus Russland, aus dem Grenzgebiet zu Kasachstan.
„Der Dolmetsch“, so heißt im Roman die Figur, die Schischkins Erfahrungen in sich aufnimmt. Wie dem Dolmetscher seine Endung ist den Protokollen das Aktenzeichen abhanden gekommen. Der Sachbearbeiter mag mit bürgerlichem Namen Peter heißen, im Roman ist er Petrus, der darüber wacht, wer ins Paradies hinein darf, genauer gesagt, er hat einen Doppelgänger namens Petrus, der ihn und die Asylsuchenden aus der Amtsstube entführt, dorthin, wo früher die Erlösungsversprechen gegeben und am jüngsten Tag die Toten auf Himmel und Hölle verteilt wurden.
Von Beginn an lässt Schischkin keinen Zweifel daran, dass er die Bürokratie und den Schrecken der Geschichte nicht realistisch beschreiben, sondern durch die Einbildungskraft herausfordern will. Er überantwortet sie dem Geiste Nikolai Gogols, bei dem sich Wortendungen von ihrem Rumpf und ganze Riechorgane vom Körper lösen, dem sie angehören, bei dem aus Kanzleipapier und Statistiken tote Seelen aufsteigen und bei dessen Mummenschanz der heillosen Welt der Witz und das Grauen als unzertrennliches Paar Regie führen. Das Abtrennen von Körperteilen – von der Erinnerung an Ciceros Hände und Kopf, die am Forum Romanum zur Schau gestellt wurden, bis zu den Explosionen, die im Tschetschenien-Konflikt Zivilisten in einem Bus zerfetzen – ist in diesem Roman keine phantastische Allüre, sondern Teil der Realgeschichte, die er in sich aufnimmt.
Da sind die Soldatenzüge und Hinrichtungen aus der „Anabasis“ des Xenophon, da sind die Geschichten von Gewalt, Vertreibung und Grausamkeitsritualen während des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution, im Zweiten Weltkrieg und in der Stalinzeit, bis hin ins Tschetschenien und Ossetien der Ära nach dem Zerfall der Sowjetunion. In der Überblendung der Zeiten verliert aber kein Ereignis sein Eigenrecht. Den Toten des Massakers der Roten Armee in Chaibach 1944 bei der Deportation der Tschetschenen setzt dieser Roman einen massiven Grabstein.
Er hat aber von der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts auch gelernt, die Dämonen aus dem Alltag und der Fülle seiner Details hervorgehen zu lassen. So wird eine fiktive russische Sängerin, die 1899 geboren wurde und hochbetagt am Ende des Jahrzehnts starb, in dem die Sowjetunion zugrunde ging, zur heimlichen Hauptfigur des Romans. In Isabella Jurjewa (1899-2000) hat sie ein reales Vorbild. Ihr Tagebuch hat Michail Schischkin zu einem lebendigen Archiv der russischen Kunst im 20. Jahrhundert gemacht, der Puschkin- und Tolstoi-Treue ebenso wie des Aufbruchs in Theater und Kino, zu einem Album voller Liebesandenken und Backfischschwärmerei, zu einer privaten, bürgerlichen Geschichte vom Ersten Weltkrieg bis in die Sowjetunion nach 1945.
Die Erinnerung an das Ostankino-Russland und eine tieftraurige Liebesuntergangsgeschichte, in die Schischkin seinen Dolmetsch verstrickt und in der ein toter „Tristan“ höchst lebendig herumspukt, umrahmen die Zeitgeschichte des Zerfalls der Sowjetunion und ihrer Kriege von Afghanistan bis Ossetien. Schauplatz der Liebesgeschichte ist Rom, aber der Titel des Romans zitiert keine Liebesmythologie, er meint das Farnkraut, das durch die Ruinen wächst.
Gogol lebte zeitweilig in Rom, er hat in der Stadt der Toten und Statuen einen markanten Auftritt: „Wir bogen vom Palazzo Barberini nach links in eine Sackgasse, Gogol stimmte ein kleinrussisches Trinklied an, verfiel am Ende gar in einen Tanzschritt und fuchtelte mit seinem Regenschirm so gewagt in der Luft herum, dass keine zwei Minuten später nur noch der Schirmknauf in seiner Hand steckte, der Rest war beiseitegeflogen.“
Das Beiseitefliegen hat Schischkin zum poetischen Prinzip seines sprunghaften Romans gemacht, der oft seine Erzählstränge hart, übergangslos gegeneinanderschlagen lässt. Das Motto zitiert die apokryphe Offenbarung des Baruch: „Denn durch das Wort ward die Welt erschaffen, und durch das Wort werden wir einst auferstehen.“ Der Satz meint nicht nur die Wiedererweckung der in der Geschichte zugrundegegangenen Toten durch die Literatur. Er ist zugleich das ideale Motto eines Romans, in den ein Dolmetsch hineinführt.
Der Übersetzer Andreas Tretner stand vor der Aufgabe, einen ganzen Chor von Stimmen, eine Prosa- Polyphonie aus Bibelsprache und Verhörprotokoll, elegischer Liebesreminiszenz und hart-vulgärem Landserton, Palindromgirlanden und Wortspielen ins Deutsche zu bringen. Er hat für jeden russischen Topf einen deutschen Deckel gefunden, auch für die vielen Redewendungen, Merksätze und verballhornten Volksweisheiten, die dafür sorgen, dass in diesem Roman das komische Sprachregister nicht zu kurz kommt.
Vor kurzem haben Michail Schischkin und Andreas Tretner für „Venushaar“ den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin erhalten. In Russland ist Schischkin ein vielgelesener Autor. Hierzulande ist er noch zu entdecken.
LOTHAR MÜLLER
MICHAIL SCHISCHKIN: Venushaar. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 556 Seiten, 24,99 Euro.
Das Tagebuch einer Sängerin wird zum Roman im Roman
Als Schüler besuchte Schischkin das Museum Ostankino. Auf unserem Bild der italienische Pavillon. Foto: Imago
Der 1961 in Moskau geborene Michail Schischkin Foto: Yvonne Boehler