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Zwei Autoren von Weltgeltung – ein Vordenker der analytischen Philosophie, Donald Davidson (1917-2003), Professor für Philosophie in Berkeley und der Mitbegründer des Neopragmatismus Richard Rorty (1931), Professor für Komparatistik in Stanford – wollen herausfinden, ob und wie man etwas „wahr“ nennen kann. Die hier ausgewählten Schlüsseltexte ihrer Debatte stammen aus den Jahren 1974 bis 2000 und sind zum Teil noch nie in deutscher Sprache veröffentlicht worden. Zwei Repräsentanten der Gegenwartsphilosophie streiten hier über die Widersprüche und Unschärfen der Kategorie „wahr“: scharfsinnig, prägnant im Stil, ganz in der sprachanalytischen Tradition Quines oder Wittgensteins – die Wahrheit unseren Sätze müsse geprüft werden.
Ausgangspunkt der Kontroverse zwischen Davidson und Rorty war die Verabschiedung des erklärenden Wahrheitsverständnisses. Diesem Verständnis zufolge wird Wahrheit als eine Beziehung jenseist von Argument und Zeit erfasst, die zwischen sprachlichen Aussagen und der außersprachlichen Wirklichkeit besteht und die Konsens- bzw. Kohärenzfähigkeit einer Aussage erklären soll.
Richard Rorty plädiert für den pragmatischen Wahrheitsbegriff und geht dabei von einer Kritik der Korrespondenztheorie aus. Dieser Theorie zufolge bezeichnet das Prädikat „. . . ist wahr“ eine bestimmte Relation, die zwischen Überzeugungen, Aussagen oder Sätzen auf der einen und Tatsachen, Ereignissen – oder schlicht: „der Realität“ – auf der anderen Seite bestehen kann. Die Rechtfertigung von Überzeugungen kann der Korrespondenztheorie zufolge zwar dazu dienen, diejenigen Überzeugungen zu ermitteln, die in dieser Relation zur Realität stehen, doch ist die Wahrheit selbst rechtfertigungstranszendent. Die Korrespondenztheorie in der Leseart von Rorty beruht auf der Voraussetzung einer unreflektierten und deswegen dogmatischen Konzeption von so etwas wie der Wirklichkeit, wie sie an sich selbst ist, also unabhängig davon, was wir von ihr glauben und sagen können.
Wer rechtfertigt was wie?
Dogmatisch ist diese Konzeption, weil „Rechtfertigung und Begründung unser einziges Kriterium für die Anwendung des Wortes ,wahr‘“ ist. Deswegen ist Rorty zufolge die Vorstellung zu verwerfen, Wahrheit sei etwas, das die Begründetheit von Überzeugungen transzendiert. Ob eine Wahrheitskonzeption relational ist, hängt von ihrer Antwort auf die Frage ab, ob das Prädikat „wahr“ eine Relation (etwa die der Korrespondenz) zwischen verschiedenen Entitäten (etwa Sätzen und Tatsachen) bezeichnet.
Davidsons berühmte These „Nothing can count as a reason for holding a belief except another belief“ läuft auf einen Kohärentismus der Rechtfertigung hinaus, der häufig in das grobe Bild gefasst wird, dass wir im Prozess der Erkenntnis nichts haben als unsere eigenen Überzeugungen, d.h. keinen irgendwie „direkten" Zugang zur Welt. Davidson macht deutlich, dass er den Kohärentismus zwar für eine attraktive epistemologische Position hält, dass dieser aber, anders als Rorty es will, keine angemessene Konzeption der Wahrheit bereitstellen könne.
Laut Davidson gehört es zum Wesen einer Überzeugung, dass derjenige, der sie hat, weiß, dass das, was er glaubt, wahr oder falsch sein kann, und dass die Antwort auf die Frage, ob es wahr oder falsch ist, nicht davon abhängt, ob er oder die meisten Mitglieder seiner oder einer zukünftigen Gesellschaft es glauben. Wer glaubt, dass es regnet, muss wissen, dass es an der Welt, d.h. in diesem Fall am Wetter liegt, ob er Recht hat oder nicht, sonst würde er es laut Davidson nicht einmal glauben können.
Für Davidson muss die Rolle des Begriffs der Wahrheit für eine Theorie sprachlicher Bedeutung eine zentrale sein: Nur wenn man anerkenne, dass die Bedeutung eines Satzes durch seine Wahrheitsbedingungen bestimmt ist, und dass man also einen Satz versteht, wenn man weiß, unter welchen Bedingungen er wahr ist, könne man der Kompositionalität von Sprache, dem Wesen von Behauptungen und der Möglichkeit des Verstehens sprachlicher Äußerungen gerecht werden.
Rorty setzt dieser Konzeption eine an Wittgenstein angelehnte Gebrauchstheorie sprachlicher Bedeutung entgegen. Eine Sprache sprechen oder verstehen zu können, heißt dieser Theorie zufolge nichts anderes als die Ausdrücke dieser Sprache richtig gebrauchen zu können. Für den radikalen Pragmatiker Rorty hat das zur Folge, dass man auch nicht, wie Davidson meint, über den Begriff der objektiven Wahrheit verfügen muss, um eine Sprache sprechen und verstehen zu können. Durch den Tod Davidsons (1993), wurde diese „cause célèbre“ der analytischen Philosophie beendet. Mit dieser singulären Debatte trugen beide Autoren zur kreativen Profilschärfung unseres Wahrheitsverständnisses bei.
Die Davidson – Rorty - Debatte ist ein Meilenstein der analytischen Philosophie. Im Labyrinth der Sinnkonstruktionen und deduktiven Begriffszerlegungen hilft das instruktive, analytische Akribie und hermeneutischen Zugriff verbindende Nachwort des Herausgebers, Mike Sandbothe – ein Ariadnefaden, fürwahr.
ZORAN ANDRIC
DONALD DAVIDSON/RICHARD RORTY: Wozu Wahrheit? Eine Debatte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Mike Sandbothe, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 354 S., 15 Euro.
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