Das Gute ist das Böse ist das Gute
Der Regisseur Matti Geschonneck über die Liebe zu Berlin, die Abgründe der Seele und seinen Film
"Reise in die Nacht"
Wir gehen vom Gendarmenmarkt die Friedrichstraße entlang, über die Spree in Richtung Hackescher Markt, Alexanderplatz. Matti Geschonneck nennt das seinen Kiez. Er erzählt Geschichten von früher, über die alte Synagoge, und daß er hier in der Nähe mit Günter Lamprecht 1990 einen Tatort, „Berlin, beste Lage”, gedreht hat. Mit einem damals heißen Thema: verbrecherische Grundstücksspekulationen in der Berliner Nachwendezeit und noch älteres Unrecht aus den Nazi-Jahren an jüdischen Bürgern. Daß in diesem seinem Kiez der große Boom vieles radikal verändert hat, daß über die DDR-Jahre Hinfälliggewordenes saniert wird, nimmt er mit gelassenem Optimismus hin. Am Ende, meint er, wird es, obwohl viele Menschen in ihrer bisherigen Existenz bedroht werden, dennoch richtig sein und schön. Wo er auch gearbeitet hat in den zwanzig Jahren, seit er im Filmgeschäft tätig ist, ob in Hamburg, Köln oder München, immer holte ihn nach einiger Zeit die Sehnsucht nach Berlin ein. Hier ist seine Heimat.
Als wir die Spree-Brücke überqueren, erinnert er daran, daß da am Kriegsende der U-Bahnschacht geflutet wurde. Und irgendwie scheint ihn das zu amüsieren, daß in dieser Gegend so viel los war früher und daß es hier heute wieder so quirlig ist. Lebendiger als im Kudamm-Westen allemal, aus seiner Sicht, auch früher, vor dem Fall der Mauer. Klar, das hat mit dem anderen Blick, den anderen Erfahrungen der Jugend zu tun: Knapp hinter der Mauer, im Zentrum des alten DDR-Berlins, das uns immer so öde, so überwacht vorkam, ist er, der Sohn Erwin Geschonnecks, eines berühmten Brecht-Schauspielers, aufgewachsen. Hier hat er sich seine Welt zusammengeträumt, kennt er offenbar jeden Winkel. Hier ging er, wann immer es möglich war, in das kleine Kino in der Nachbarschaft, das „Sternwarte” hieß. Bei diesen Fluchten in andere Länder und Leben wurde ihm klar, daß es für ihn nur einen Beruf geben kann: Filmregisseur.
So wie Matti Geschonneck von seinem Kiez erzählt, verändert sich der für uns ins Romantische: überall hübsche Kulissen – für finstere Geschichten. Eigenartig doch, daß dieser so ausgeglichen weltfreundlich zurückhaltende und immer noch jungenhaft erscheinende Mittvierziger Fernsehfilme macht, die sich heftig ins Gehirn einbrennen, so nachhaltig an die Nerven gehen: Weil er gnadenlos genau die Abgründe der menschlichen Seele erforscht, den Sog des Bösen zeigt, ohne den Zuschauern billige Schuldzuweisungen anzubieten.
Das muß man aushalten, wie er Ulrich Tukur in Der Mörder und sein Kind die Zerrissenheit, die Qualen eines Triebtäters ergründen läßt. Oder wie er Cornelia Froboess in Angst hat eine kalte Hand als Opfer sich bis an die Schmerzgrenze treiben läßt in der Abwehr der Sadismen eines Lustmörders und der Gleichgültigkeit der Gesellschaft. Und nun ist am Montag als Fernsehfilm der Woche im ZDF (20. 15 Uhr) nach einem Buch von Susan Cuscuna und Wolfgang Tumler Matti Geschonnecks Reise in die Nacht – Alptraum eines Sommers zu sehen. Da spielt Ulrike Kriener eine Berlinerin, deren Leben zerbricht – nur weil sie sich mit ihrer Tochter einen ungezwungenen Urlaub auf Zypern leisten wollte, um ihren gemeinsamen Problemen auf den Grund zu gehen: Sie wird des Mordes an einem jungen Zyprioten schuldig gesprochen. Dabei hatte sie doch nur in Notwehr gehandelt, um weitere Vergewaltigungen ihrer Tochter zu verhindern.
Ulrike Kriener, die schon in vielen großen Rollen mit schonungslos radikalen Emotionen beindruckt hat (u.a. Der Hammermöder), legt die Verzweiflung dieser zutiefst in ihrem Lebenswillen erschütterten Frau so gnadenlos bloß, daß man sich dem nicht entziehen kann. Das Thema dieses Fernsehfilmes, in dem es um mangelnde Kommunikation, auch zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen geht, bietet sich für schnelle Vorurteile geradezu an. Geschonneck aber entwirft mit seinem sehr sensibel agierenden Kameramann Rudolf Blahacek ein höchst diffiziles Geflecht aus Fehlern, Mißverständnissen, egoistischem Leichtsinn und Wahrnehmungsschwäche, in dem sich die Protagonisten ausweglos, tragisch verwickeln. Und keiner ist nur gut und keiner nur böse.
Geschonneck rollt diese „Urlaubs”-Geschichte mit Ulrike Kriener (Irene Weber) und Emine Sevgi Özdamar (Frau Aziz), Renan Demirkan und Michael Greiling (u.a.) so auf, daß sie auch für den Zuschauer zu einem Alptraum gerät. Alle Koordinaten von Recht und Schuld verrutschen, es gibt keinen sicheren Halt mehr. Und weil eines der Grundbedürfnisse der Menschen ist, Halt zu finden, sind diese Geschichten so aufreibend spannend: sie irritieren die Sehnsucht nach Harmonie. Geschonneck betont, daß ihn besonders die Übergänge zwischen Böse und Gut interessieren. „Beides liegt doch so nah beieinander. Die Kunst besteht nun darin, diese fließenden Übergänge, die das Leben ausmachen, plastisch zu zeigen. Das ist wie in der Rechtsprechung; mit der ist unabdingbar das Unrecht verknüpft, das dem anderen zugefügt wird. ”
Daß er mit seinen Filmen die Zuschauer verunsichert, ist Absicht. Und daß er die Geschichten so spannend wie möglich zu erzählen versucht, hat damit zu tun, daß er sich selbst nicht gerne langweilt. „Ich bin auch kein Altruist, ich will doch auch Freude haben, an den Bildern, an den Menschen, von denen wir erzählen. Ich habe”, sagt Matti Geschonneck, „in diesem Job das Glück, in Sphären der menschlichen Seele vorzudringen, die man in anderen Berufen im gewöhnlichen Leben nicht erreicht. Jeder Mensch trägt Erfahrungen mit sich herum, Sehnsüchte, Wünsche, Träume, über die er nicht reden, die er nicht ausleben kann. Meine Aufgabe ist es, so spannend als möglich diese allgemeine menschliche Zerrissenheit zu zeigen, ohne mit Wirkungen zu spekulieren. Ich muß damit aber auch die Phantasie der Zuschauer treffen, darf nicht alles auserzählen, denn dann besteht die Gefahr, daß es schon wieder langweilig wird, weil man sich absetzen kann in die Haltung: So war das bei mir nicht!”
Wenn man so genau wie möglich sein will, muß man Gradwanderungen riskieren und sich auf den Instinkt verlassen können: Daß eine Emotion, die man dem Schauspieler abverlangt, richtig ist, daß sie den Zuschauer erreicht, nicht als kitschig, als unverständlich empfunden wird. Das kann, nach Matti Geschonnecks Erfahrungen, nur in einer Atmosphäre des Vertrauens gelingen. „Die meisten Schauspielermenschen wollen ihre Meisterschaft demonstrieren, wollen schnell wieder weg und wollen etwas verstecken. Es geht aber doch darum, daß sie in jeder Rolle etwas von sich abgeben, d.h. daß sie sich öffnen und etwas von ihrer Seele offenbaren müssen. ”
Daß das immer wieder auch die Zuschauer interessiert, ist für ihn immer noch ein „spannendes Geheimnis”. Und dabei hat er es mit seinen rund zwanzig Filmen schon so oft geschafft, in den zwölf Jahren, seit er Filmregisseur ist.
Gelernt hat er das Handwerk in Moskau ab 1974 an der berühmten Film-Schule; vier Jahre später wurde er Assistent von Eberhard Fechner, der damals die drei Teile von Kempowskis Ein Kapitel für sich verfilmte. Einige Jahre arbeitet er auch mit Diethard Klante zusammen. Wenn er Filmregisseur werden wolle, habe ihm Fechner gesagt, habe er nur eine Chance, wenn er ein Drehbuch für einen Kinofilm schreibe. Damals, Ende der achtziger Jahre, war der Bedarf an deutschen Kinofilmen größer als der an Fernsehspielen. Also hat er Möbius geschrieben, die Geschichte um eine verschwundene Berliner U-Bahn, die Ottokar Runze als richtig großen Spielfilm produzierte. Mit Günter Lamprecht in einer der Hauptrollen. Er war Regisseur geworden und mit Lamprecht hat er dann vier Tatorte gemacht. Den ersten davon in seinem Kiez: Berlin, beste Lage. Und das, das wissen wir ja inzwischen, gilt für Matti Geschonneck immer noch.
THOMAS THIERINGER
Süddeutsche Zeitung 09.01.1999 Medien